Weniger Umfang – mehr Übersicht. Individuelles Bordbuch von
Volkswagen | |
- Weniger Umfang – mehr Übersicht -
- Art
- Artikel (Abstract)
- In
- technische kommunikation 4/2005, S. 18 ff
- Form
- Fachartikel
- Autor(en)
-
Bernhard Heiny, Volkswagen AG
Rüdiger Tillmann, Journalist
- Leistungen DOSCO
- DTD, SGML-Anwendung, Individualisierung,
Druckprozessoren
- Verwandte Themen
- Fahrzeug-individuelle Bordbücher
Der Automobilhersteller Volkswagen hat sich zum Ziel gesetzt, dass
Kunden im so genannten Bordbuch nur finden sollen, was sie auch bestellt haben.
Bislang ist dieser Service allerdings den Käufern des Modells Phaeton vorbehalten.
In Kürze werden aber auch Golf Plus-Fahrer in den Genuss eines Bordbuchs kommen,
das zumindest teilweise individualisiert ist.
Definition „Individuelles Bordbuch“
Ein individuelles Bordbuch beschreibt nur diejenigen Funktionen und
Ausstattungsmerkmale eines Fahrzeugs, die tatsächlich auch vorhanden sind.
Das Bordbuch wird individuell zusammengestellt und gedruckt.
Zu Beginn der Entwicklung des individuellen Bordbuchs standen drei
Anforderungen im Mittelpunkt:
 - Das Bordbuch soll ausschließlich das Auto mit den entsprechenden Features
beschreiben, das der Kunde gekauft hat.
 - Der Umfang des Bordbuchs soll deutlich reduziert werden.
 - Die Übersichtlichkeit des Bordbuchs soll erhöht und einzelne Themen
sollen leichter zu finden sein.
Die Umsetzung des Bordbuchs erfolgte in Zusammenarbeit mit der DOSCO
Document Systems Consulting GmbH aus Heidelberg. Das Unternehmen ist spezialisiert
auf die Konzeption und Realisierung XML/SGML-basierter Dokumentationsanwendungen.
Im ersten Schritt wurden eine Strukturanalyse der vorhandenen Dokumente
und eine Überführung in eine vereinfachte SGML-Struktur durchgeführt, im zweiten
Schritt eine komplett neue Redaktionsumgebung geschaffen, die alle Faktoren
der Erfassung, Kontrolle, Übersetzung, Datenablage und Publikation für ein
individuelles Bordbuch berücksichtigt. Die gesamte Anwendung wurde so konzipiert,
dass aus den SGML-Dokumenten individuelle Bordbücher in einem vollautomatischen
Prozess hergestellt werden können.
Der Inhalt eines Bordbuchs wird aus diesem Grund in Bausteine unterteilt.
Die so genannten Module folgen dabei einem dreistufigen strukturellen Aufbau.
Durch die Aneinanderreihung aller Module entsteht ein Gesamtdokument, das
alle Merkmale eines Fahrzeugmodells beschreibt.
Neues Verständlichkeitsmodell
Parallel zum individuellen Bordbuch wurde ein neues Verständlichkeitsmodell
für den Aufbau des Bordbuchs entwickelt. Das Drei-Stufen-Konzept führt den
Leser schrittweise in die Thematik ein. Die erste Stufe mit Titel, Kurzinformation
und Bild liefert die wichtigsten Daten und Fakten. Die zweite Stufe enthält
Handlungsanweisungen, die dritte Stufe alle weiteren Informationen. Der Leser
entscheidet dabei, wie viel Information er benötigt. Hat er bereits in der
ersten Stufe die gewünschte Hilfe erhalten, braucht er nicht weiterzulesen.
Die Festlegung auf die Struktur des Drei-Stufen-Konzepts unterstützt
das Layout. Die Schriftgröße nimmt von Stufe zu Stufe ab. Das Layout wird
im vollautomatischen Druckprozess hinzugefügt. Eine Kontrolle durch den Autor
oder den Übersetzer ist möglich, meist aber nicht erforderlich.
 | Abb. 1: Beispiel für das Layout des Drei-Stufen-Konzepts |
Jedes einzelne Modul bildet eine in sich geschlossene inhaltliche
Einheit. Es bezieht sich im Text nicht auf vorhergehende oder nachfolgende
Module. Verknüpfungen werden ausschließlich über Querverweise hergestellt.
Die Eigenständigkeit der Module garantiert, dass aus dem Gesamtdokument heraus
beliebig viele verschiedene individuelle Dokumente zusammengestellt werden
können.
Alle Module werden zusätzlich mit Verwendungsinformationen versehen,
über die das Hinzufügen beziehungsweise Fehlen im Bordbuch gesteuert wird.
Die SGML-Struktur wurde hierzu erweitert und der Editor entsprechend eingerichtet.
Der Autor wählt die Verwendungsinformationen aus einer Liste und muss keinen
Freitext eingeben. Die Informationen können eine oder mehrere Eigenschaften,
aber auch Marktspezifikationen betreffen. Module ohne Verwendungsinformation
sind allgemein gültig und werden in jedem Bordbuch eingesetzt. Mögliche Verwendungsinformationen
sind zum Beispiel folgende Angaben:
 - Gilt für Fahrzeuge mit elektrisch einstellbaren Sitzen
 - Gilt für Fahrzeuge mit Massagesitz und Lederpolsterung
 - Gilt für den Markt Kanada
| Automatischer Filterprozess | |
Die Individualisierung erfolgt über einen speziell konzipierten und
programmierten Filter. Das Gesamtdokument wird Modul für Modul gescannt und
mit den technischen Daten des Fahrzeugs verglichen. Über die Verwendungsinformationen
werden so nicht benötigte Module herausgefiltert. Das Ergebnis ist ein auf
das einzelne Fahrzeug abgestimmtes, individuelles Dokument.
In der Automobil-Produktion beschreibt ein Datensatz jedes Fahrzeug.
Der Datensatz beinhaltet alle Informationen über die verbauten Teile. Diese
Daten werden den Verwendungsinformationen der Module zugeordnet.
Neue Anforderungen für Technische Redakteure
Die Qualität des individuellen Bordbuchs steht und fällt mit der Qualität
des Autors. Der Technische Redakteur muss alle Ausstattungsmerkmale des Fahrzeugmodells
und deren Varianten hinsichtlich einer möglichen Individualisierung kennen.
Er trifft die Entscheidung, welche speziellen Merkmale gemeinsam und welche
getrennt voneinander beschrieben werden. Nur so ist die Unterteilung in die
beschriebenen eigenständigen Module möglich. Im Rahmen der Texterstellung
muss er seine Kenntnisse kontinuierlich einfließen lassen und überprüfen.
Diese besondere Verantwortung ist entscheidend für die Qualität der Individualisierung.
Das Starten des Motors muss möglicherweise in vier Versionen beschrieben
werden:
 - Benzinmotor mit Schaltgetriebe
 - Benzinmotor mit Automatikgetriebe
 - Dieselmotor mit Schaltgetriebe
 - Dieselmotor mit Automatikgetriebe
Das Fahrzeug verfügt aber in diesem Fall immer nur über eine Version.
Der „normale“ Redakteur würde den Startvorgang in einem Text zusammenfassen.
Der „individualisierte“ Redakteur muss vier eigenständige Texte erstellen.
Darüber hinaus stellt die neue Redaktionsumgebung den Autor vor neue
Anforderungen. Die perfekte Beherrschung der Software mit allen Möglichkeiten
und Konventionen ist Grundvoraussetzung. Einmal erlernt, bietet die Umgebung
jedoch viele Vorteile. Die Document Type Definition, kurz DTD, enthält zum
Beispiel viele semantische Elemente. Dadurch können Konventionen für Formulierungen
des Autors mit bestimmten SGML-Elementen verknüpft werden. Diese Unterstützung
ist für ihn überschaubarer und leichter zu verarbeiten als Anweisungen, die
das Gesamtdokument betreffen.
Dem SGML-Element „Handlung“ sind folgende Konventionen
für den Redakteur zugeordnet:
 - Aufforderungscharakter
 - Kurze Formulierung
 - Handlungen gruppieren
Die Frage des Lesers „Was muss ich tun?“ beantwortert
SGML einfach mit <handlung>Öffnen Sie die Motorhaube.</handlung>.
Das Konzept unterstützt also auch die Einheitlichkeit der Formulierungen.
Das Erfassungs-Werkzeug des Redakteurs für die SGML-Daten ist der
Epic-Editor von Arbortext. Zusätzlich zur Anzeige von Bildern, Fahrzeugsymbolen
und Tabellen werden die generierten Texte in der gewünschten Sprache angezeigt.
Der Epic-Editor wurde an die DTD der Anwendung angepasst. Zahlreiche Funktionen
wurden speziell mit ACL-, C++- und Java-Techniken geschrieben:
Das Einfügen von Bildern unterstützt ein Dialog, der die Auswahl aus
einer Liste oder einer Bilddatenbank ermöglicht. Das ausgewählte Bild wird
dann über eine Entity-Referenz eingebunden.
Für die Eingabe komplexer Elemente bieten sich dem Autor spezielle
Eingabehilfen an.
Das Setzen von Querverweisen erfolgt automatisch per Mausklick.
Weitere Features sind Prüffunktionen, mit denen der Autor das Dokument
zum einen auf Konsistenz und zum anderen auf die Einhaltung von Konventionen
überprüfen kann – eine für die Individualisierung besonders wichtige Anforderung.
Das Dokument ist ein Gesamtdokument, das die Grundlage für eine große Anzahl
individueller Dokumente bildet. Diese Dokumente sind später einzeln nicht
mehr überprüfbar.
| Übersetzung in 30 Sprachen | |
Der Übersetzer erhält das Quellsprachen-Dokument in SGML-Form und
liefert das Zielsprachen-Dokument ebenfalls in dieser Form ab. Beide Formen
entsprechen der DTD der Anwendung. Hilfsfunktionen sorgen dafür, dass sich
die Strukturen von Quelle und Ziel nicht unterscheiden. Auf diese Weise wird
die Verwendung identischer Prozesse für alle Sprachversionen sichergestellt.
Das Translation-Memory-System wurde in enger Abstimmung der beteiligten
Unternehmen Trados, DOSCO und Volkswagen unter Berücksichtigung aller SGML-relevanten
Faktoren speziell für die Anforderungen individualisierter Bordbücher eingerichtet.
| Vollautomatischer Druckprozess | |
Die Produktion der fahrzeugindividuellen Bordbücher erfolgt vollautomatisch.
Der Druckprozessor ist mit einer Black Box zu vergleichen, die SGML-Dokumente
aufnimmt und als druckfertige PDF-Dokumente wieder ausgibt.
Der Prozessor kann jedes zur DTD der Anwendung konforme SGML-Dokument
verarbeiten. Das gilt sowohl für jedes individuelle Dokument als auch für
das Gesamtdokument. Der Druckprozessor unterstützt west- und osteuropäische
Sprachen einschließlich Russisch und Griechisch. Zusätzlich können auch die
Umschlagseiten generiert und vollautomatisch produziert werden.
Wie bereits beschrieben ist eine Layout-Kontrolle durch den Autor
oder den Übersetzer möglich, normalerweise aber nicht erforderlich. Layout-Korrekturen
von Hand finden nicht statt.
 | Abb. 2: Layout-Beispiel |
Die Realisierung des Druckprozessors wurde auf Basis von Adobe FrameMaker+SGML
durchgeführt. Um die hohen Anforderungen an das Layout zu erfüllen, erfolgte
die komplexe Programmierung auf Grundlage des FrameMaker Developers Kit. Die
FrameMaker-Anpassung beinhaltet ausschließlich die Formatierung für den Druck
und ist nicht für die Eingabe ausgelegt.
Der Druckprozessor bietet unter anderem folgende Funktionen:
Das Stichwortverzeichnis für das Bordbuch wird aus Informationen in
speziellen SGML-Elementen erzeugt.
Die Bordbücher sind in einzelne Hefte untergliedert. Um den Lesern
eine weitere Suchfunktion anzubieten, generiert der Druckprozessor zusätzlich
ein übergreifendes Stichwortverzeichnis, das die Informationen aller Hefte
enthält.
Die Fremdsprachenunterstützung umfasst den gewünschten Zeichensatz,
die Verwendung der generierten Texte, die passende Silbentrennung und Sortierung
des Stichwortverzeichnisses.
Für die Bordbuchanwendung wurden die Fahrzeugsymbole als spezielle
Schriften umgesetzt, die sich im Gegensatz zu Bildern in der Größe automatisch
an die Umgebung anpassen und in beliebiger Farbe dargestellt werden können.
Innovatives Redaktionssystem
Die beschriebene Anwendung zur Erstellung individueller Bordbücher
ist in das auf einer Datenbank basierten Redaktionssystem LIVAS3/MOVE integriert.
Der Gesamt-Workflow beinhaltet alle Schritte vom Auftrag bis zur fertigen
Publikation. Die Abbildung bietet eine Übersicht der eingesetzten Werkzeuge.
 | Abb. 3: Werkzeuge des Redaktionssystems LIVAS3/MOVE |
Das Redaktionssystem ermöglicht durch eine intelligente Datenaufbereitung
die Bedienung zahlreicher Zielformate. Ein Konverter überträgt beispielsweise
die SGML-Dokumente automatisch in das Word-Format. Der SGML/XML-Browser Multidoc-Pro
wurde angepasst und unter anderem in die Translators Workbench eingebunden.
Hier bietet er den Übersetzern eine formatierte Ansicht der Dokumente, was
insbesondere bei Tabellen hilfreich ist. Ebenso ist die Konvertierung der
Daten in HTML und PDF möglich.
In Kürze wird Volkswagen das erste teilindividualisierte Bordbuch
ausliefern. Ab dem Sommer erhält der Käufer eines Golf Plus ein Bordbuch,
das entweder nur Modelle mit Benzin- oder nur mit Diesel-Motoren beschreibt.
Je nachdem welche Version er bestellt hat. Der Phaeton bleibt bis auf weiteres
das einzige Modell des Konzerns, dessen Bordbuch die Möglichkeiten der Anwendung
zur Erstellung individualisierter Literatur voll ausnutzt. Sollte sich die
Teilindividualisierung in der Praxis bewähren, ist die Ausweitung auf Volumenmodelle
nur noch eine Frage der Zeit. Folgende Aufgaben sind allerdings noch abschließend
zu lösen:
Der Just-in-time-Prozess für Produktion und Anlieferung der Bordbücher
muss aufgebaut werden. Damit sie, wie auch die Ausstattungen der Fahrzeuge,
zur richtigen Zeit an die richtige Stelle des Montagebands geliefert werden.
Die Archivierung und Wiederherstellung von individuellen Bordbüchern
muss gesichert sein.
Alle Änderungen am Fahrzeug müssen zeitgleich in das Gesamtdokument
eingepflegt werden.
Das Redaktionssystem hat seinen Belastungstest bereits bestanden.
Schon heute werden zahlreiche Bordbücher, Werkstattinformationen und Servicepläne
als Gesamtdokumente mit LIVAS3/MOVE erstellt. Auch unter wirtschaftlichen
Gesichtspunkten sind die ersten Synergieeffekte sichtbar. Die Daten werden
für klassische Printmedien, interaktive Anwendungen und als Basis für Online-Applikationen
genutzt.
Braucht der Kunde ein individuelles Bordbuch? Repräsentative Antworten
auf diese Frage liegen nicht vor. Die Technik und damit auch die Bedienung
moderner Fahrzeuge werden immer komplexer, die Ausstattungen immer umfangreicher.
Die zusätzlichen Anforderungen an Technische Dokumentationen verwandeln die
Publikationen in unhandliche Wälzer. Individualisierungen sind ein wirksames
Mittel Umfänge zu reduzieren und Übersichtlichkeit zu verbessern. Der Mehrwert
für den Kunden ist unübersehbar. Volkswagen ist Vorreiter in diesem Bereich,
kein anderer Automobilhersteller legt zurzeit individuelle Bordbücher auf.
Die Anwendung zur Erstellung fahrzeug-individueller Bordbücher bietet aus
technischer Sicht alle Möglichkeiten auf das Fahrzeug zugeschnittene Bordbücher
zu realisieren. Das Informationsspektrum für den Kunden wird erweitert. Die
Entscheidung, wann und in welcher Ausprägung diese Möglichkeiten zum Einsatz
kommen, wird, wie so oft, über die Wirtschaftlichkeit entschieden werden.
Bernhard Heiny (57) ist Unterabteilungsleiter der
Abteilung „Informations- und Dokumentenmanagement“ und verantwortlich für
den Bereich Kundeninformationen bei der Volkswagen AG.
Rüdiger Tillmann (39) ist Inhaber von JOLE COMMUNICATION,
einer Agentur für Kommunikation und Presse- und Medienarbeit. Seit 2002 arbeitet
der Journalist für die Volkswagen AG und erstellt unter anderem zielgruppengerechte
Publikationen für die Bereiche „Technische Redaktion“ und „Bedienungsanleitung“.
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